ARMUT ODER REICHTUM

In gewissen Abständen ist bei uns in der Stadt Sperrmüll. Da verwandeln sich die Bürgersteige in riesige öffentliche Möbelhäuser. Da wird alles weggeworfen was dem Menschen scheint überflüssig zu sein. Früher hat mich dieses Ereignis nie interessiert. Desinteressiert bin ich meines Weges gegangen, über aufgerissene Mülltüten und diversen Hausrat gestiegen. Eher mit Ekel behaftet und Unverständnis über die Menschen die meinten in dem Müll zu wühlen. Gedanken wie – na, die scheinen es ja nötig zu haben oder so möchte ich niemals sein, gingen mir in diesen Momenten durch den Kopf. Mich haben die Menschen eher genervt die meinten meine Sachen, die ich wegwarf, an sich zu reißen. Wie die Geier stürzten sie sich auf alles was von Nutzen zu sein schien.

Eine Nachbarin half mir zum Perspektivwechsel. Sie ging schon seit Jahren los wenn Sperrmüll war. Sie Frage mich, ob ich mitkommen möchte. Ich verzog die Mundwinkel und merkte an, dass ich mir das Spektakel ja mal ansehen könnte. Ich zog mir also eine Mütze auf, welche von mir tief ins Gesicht gezogen wurde und wartete im Treppenhaus. Meine Nachbarin kam aus ihrer Wohnung, mit einem Rucksack bewaffnet und einem Ausdruck der Euphorie über die bevorstehende Aktion. Sie fragte mich, ob ich nicht auch einen Rucksack mitnehmen möchte? Mit einem süffisanten Lächeln teilte ich ihr mit, dass meine Hände zu keinem Zeitpunkt den Müll anderer Leute berühren würde und steckte meine Hände demonstrativ in die Hosentaschen.

Wir gingen also los. Es dauerte keine fünf Minuten und ich erblickte meinen ersten Schatz. Einen Hocker aus einem schwedischen Möbelhaus. Direkt daneben befand sich die dazu passende Couch. An beiden Möbelstücken war nichts, aber auch gar nichts dran. Nicht einmal ein Fleck oder eine kleine Macke. Ich dachte mir in diesem Moment nur das diese Gegenstände bestimmt  Scheidungs-oder Trennungsopfer waren. Die Couch konnte ich leider nicht transportieren, allerdings war das Tragen des Hockers möglich, also nahm ich meine Hände aus der Hosentasche. Ich war zu diesem Zeitpunkt auch ein Trennungsopfer und somit passten der Hocker und ich perfekt zusammen. Nachdem ich den Hocker oben in meiner Wohnung platziert hatte war ich von der Faszination Wegwerfgesellschaft angefixt und wollte Beute machen. Die 2. Etappe an diesem Abend war mit Rucksack und meine Hände verweilten nicht mehr in- sondern außerhalb meiner Hosentaschen. Heute, zwei Jahre nach diesem Ereignis bin ich absoluter Sperrmüllfan.

Wenn Sperrmüll ist wird mir immer wieder bewusst, das die eigentliche Bedeutung des Begriffs Armut in Deutschland  neu definiert werden könnte. Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass ich nicht wirklich bedürftige Menschen in Frage stellen möchte.  Vielmehr geht es mir darum einen kritischen Blick aufs eigene Konsumverhalten in der heutigen Wegwerfgesellschaft zu lenken. Es ist einfach unglaublich was die Menschen alles wegwerfen. Teilweise ist an diesen Gegenständen nur minimal etwas defekt. Mit wenig Geschick kann man daraus wieder ein voll funktionstüchtiges Einrichtungsstück machen. Ich weiß nicht wie viele Weichholzstühle und Kommoden ich bei mir in der Wohnung habe, die Richtung Wertstoffhof ihre letzte Reise angetreten hätten. Zeitgenössische Gegenstände würden einfach zerstört, künstlerische Arbeiten einfach im Müllwagen zermalmt.

Heute gilt häufig nur noch kaputt neu. 

Nun stelle ich die Frage: Werden wir Arm am Reichtum? Arm an Kreativität, Arm an Ideologie? Und reich an Sperrholz und Austauschbarkeit?